Anders und doch gleich: Die Personalarbeit in einer Non-Profit Organisation.


Interview mit Annette Ptassek, Head of Human Resources Deutsche Welthungerhilfe e.V.

Seit über 50 Jahren engagiert sich die Deutsche Welthungerhilfe – Schirmherr ist Bundespräsident Joachim Gauck – weltweit im Kampf gegen den Hunger. Das Spektrum der Hilfsmaßnahmen reicht von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristig angelegten Projekten der Entwicklungszusammenarbeit. Seit Gründung dieser überkonfessionellen und gemeinnützigen Organisation im Jahr 1962 wurden 4.892 Selbsthilfeprojekte, 1.160 Projekte für Kinder und Jugendliche und 1.099 Nothilfeprogramme in 70 Ländern realisiert. Finanziert mit einem Spendenaufkommen von insgesamt 2,52 Milliarden Euro, so der Jahresbericht 2012. Die Deutsche Welthungerhilfe ist nicht nur eine führende private Einrichtung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, sondern zugleich ein Arbeitgeber, der im In- und Ausland außergewöhnliche Jobs und herausfordernde Aufgaben bietet. Ich hatte Gelegenheit, dazu Annette Ptassek, Personalleiterin der Deutschen Welthungerhilfe, zu interviewen

Hans Ulrich Würth: Frau Ptassek, in Deutschland spricht alles vom Fachkräftemangel. Spüren Sie diesen auch in Ihrer Organisation? Bekommen Sie die Spezialisten, die Sie für Ihre Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika brauchen?

Annette Ptassek:  Natürlich beobachten wir die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und versuchen,  uns auf absehbare Trends frühzeitig vorzubereiten.  Im Moment kann die Welthungerhilfe Stellen im Ausland jedoch gut besetzen, Spezialwissen ist v.a. im Bereich Landwirtschaft, WASH (Wasser, Sanitärversorgung, Hygiene) und Finanzadministration gefragt.  Engpässe entstehen manchmal bei als „schwierig“ geltenden Einsatzorten, hier müssen wir gegebenenfalls etwas länger suchen.

Hans Ulrich WürthEntwicklungszusammenarbeit ist Hilfe zur Selbsthilfe, macht Sinn. Gerade junge Menschen werden sich dafür begeistern können. Welche Möglichkeiten bieten Sie denen, die erst einmal sehen wollen, ob ein Job bei der Welthungerhilfe für sie das Richtige ist?

Annette Ptassek: Hierfür haben wir ein schönes Instrument entwickelt, die Nachwuchsfachkräfte im In- und Ausland.  Junge Berufseinsteiger haben heute oft eine Unmenge an Qualifikationen und praktischer Erfahrung,  aber der tatsächliche Berufseinstieg gelingt ihnen mangels „Berufserfahrung“ nur schwer. Genau da setzen wir an, denn Voraussetzung für unsere Nachwuchsfachkräfte ist, dass sie nicht mehr als ein Jahr praktische Erfahrung nach der Ausbildung vorweisen.  Sie erhalten zwar auch Qualifizierungen, aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der regulären Arbeitspraxis. Entsprechend adäquat sind die Stellen vergütet.

Zum Hineinzuschnuppern bieten sich sehr gut auch unser Praktikantenprogramm oder das Freiwillige Jahr im Politischen Leben an (FJP). Praktika zum Beispiel können bis zu 3 Monaten dauern. Da wir uns an die Standards des Fairwork-Zertifikats halten, stehen sie allerdings nur Personen offen, die sich noch in der Ausbildung befinden. Als FJPler kann man in Bonn oder Berlin sogar insgesamt ein Jahr mitarbeiten. Und im Ausland bieten wir ab 2014 Einsatzmöglichkeiten für Freiwillige im Rahmen des Programms „weltwärts“ an.

Hans Ulrich Würth: Auf den Jobangeboten Ihrer Website suchen Sie zum Beispiel eine Fachkraft (m/w) für Finanzadministration in Port-au-Prince, Haiti oder einen stellvertretenden Landeskoordinator (m/w) für die Demokratische Republik Kongo. Das sind Jobs, die ein Studium voraussetzen. Hat der Handwerker in der Entwicklungszusammenarbeit ausgedient? Suchen Sie für Ihre Arbeit in den Entwicklungsländern eher IT-Spezialisten und Finanzprofis als Brunnenbauer und Maurer?

Brunnenbau in Mali. © Deutsche Welthungerhilfe e.V.

Brunnenbau in Mali.
© Deutsche Welthungerhilfe e.V.

Annette Ptassek: Brunnenbauer ist ein gutes Stichwort, die suchen wir tatsächlich immer mal wieder, wobei diese konkrete Tätigkeit ein Ingenieursstudium voraussetzt. Für Finanzadministratoren hingegen ist Erfahrung in Buchhaltung eine ideale Voraussetzung.  Logistik oder  Fahrzeugmechanik sind andere Beispiele für unsere Auslandsstellen, die nicht unbedingt Hochschulstudium voraussetzen. Mittelfristig wird sich dieses Bild wohl ändern, denn die Welthungerhilfe ist bestrebt, Verantwortung zunehmend an die lokalen Mitarbeiter in den Einsatzländern zu verlagern. In welchem Umfang und mit welchen Qualifikationen die Welthungerhilfe dann klassische Auslandsmitarbeiter rekrutiert, ist eine interessante offene Frage.

Hans Ulrich Würth: Wer in die Entwicklungshilfe gehen will, für den dürfte das soziale Engagement wichtiger sein als Geld und Karriere. Dennoch – was können Sie zur Vergütung und zu den Entwicklungsperspektiven in diesem Berufsfeld sagen?

Annette Ptassek: Wir machen in unserem Job sehr oft die Erfahrung, dass Geld für die Menschen nicht das allerwichtigste ist. Insofern stimmt Ihre Einschätzung. Was die Bezahlung  betrifft vertreten wir jedoch die Auffassung, dass eine professionelle Tätigkeit auch eine angemessene Entlohnung voraussetzt. Wir suchen Fachspezialisten, die bereit sind, unter teilweise schwierigen persönlichen Bedingungen für die Welthungerhilfe zu arbeiten. Auch wenn niemand erwartet bei einer NGO wie der Welthungerhilfe reich zu werden – diese Einsatzbereitschaft setzt auch eine gewisse finanzielle Sicherheit voraus, und die bieten wir.

Hans Ulrich Würth: Einmal Entwicklungshelfer, immer Entwicklungshelfer – gibt es so etwas? Was macht ein Entwicklungshelfer, wenn die Kraft oder das Interesse an fordernden Auslandseinsätzen nachlässt? Findet jemand, der 20 Jahre in den Krisengebieten der Welt unterwegs war, überhaupt noch in unsere deutsche Arbeitswelt zurück?

Annette Ptassek: Es gibt sicher so etwas wie eine Branchentreue, aber das ist ja auch bei anderen Berufsgruppen nicht ungewöhnlich.  Wir verabschieden bei der Welthungerhilfe auch immer wieder Mitarbeiter in den Ruhestand, nach einer langen und erfolgreichen Karriere im Ausland. Trotzdem stimmt, was Sie sagen: Manchmal ist es irgendwann das Gefühl, den Anforderungen des Jobs nicht mehr gewachsen zu sein oder betagte Eltern müssen betreut werden – wie auch immer die Gründe sind, die Rückkehr ins Heimatland, der berufliche Wiedereinstieg dort nach so vielen Jahren in einem ganz anderen Kontext ist schwer. Deshalb raten wir z.B. jungen Interessenten, ihre Karriere in der Entwicklungszusammenarbeit zweigleisig zu planen, und zu versuchen, immer wieder auch eine Berufstätigkeitphase im Heimatland zu planen.

Hans Ulrich Würth: Von den rund 2.300 Beschäftigten der Welthungerhilfe im In- und Ausland arbeiten etwa 200 in der Zentrale in Bonn und Berlin. Welche Berufe sind denn für den Innendienst im Headquarter Bonn besonders gefragt?

Annette Ptassek:  Für die inhaltliche Begleitung der Arbeit der Welthungerhilfe oder die Betreuung unserer Auslandsprojekte ist Fachwissen vor allem in den klassischen Betätigungsfeldern der Welthungerhilfe gefragt (z.B. Landwirtschaft, Nothilfe, WASH). Daneben kann man in den zentralen Services wie Finanzadministration, Beschaffung, IT oder Personal arbeiten. Interessant ist auch der Marketingbereich, der sich u.a. um Kooperationen mit Unternehmen kümmert oder für Mobilisierungskampagnen verantwortlich ist. Hier arbeiten viele Mitarbeiter mit entsprechender Erfahrung.

Hans Ulrich Würth: Sie waren selbst mehrere Jahre in Afrika und Asien tätig. Würden Sie sagen, dass diese eigene praktische Erfahrung für einen ‚Personaler‘ die Voraussetzung ist, um das richtige Feeling für die Menschen und deren Aufgaben zubekommen, die draußen ‚vor Ort‘ sind?

Annette Ptassek: Ich denke es ist hilfreich, denn tatsächlich kann beim Personalmanagement in  der Entwicklungszusammenarbeit nicht immer alles nach Schema F ablaufen und das Verständnis dafür  erleichtert einiges. Schlussendlich sind die Ansprüche an professionelles HR-Management bei uns aber die gleichen wie in anderen Branchen. Solide HR-Kompetenz ist ein „Muss“, eigene Auslandserfahrung „nice to have“.

Hans Ulrich Würth:  Frau Ptassek, herzlichen Dank für dieses Interview. 

Annette Ptassek arbeitet seit vielen Jahren im internationalen Personalmanagement mit beruflichen Stationen im In- und Ausland. Seit 2005 ist sie bei der Welthungerhilfe, deren Personalabteilung sie seit 2008 leitet.

 

Linkempfehlung:

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Entwicklungshelfer können Frauen und Männer sein. Aus Gründen des Leseflusses wurde im Interview auf ein Gleichstellungsmerkmal wie m/w verzichtet, das bei Stellenausschreibungen selbstverständlich ist.

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Über Hans Ulrich Würth

Copywriter und Marketingmensch mit langem Berufsleben und reichlich Erfahrung. Gefühlt und (fast) real habe ich in über 40 Jahren für 'tausendundeine' Branche gedacht und getextet. Schwerpunkt seit vielen Jahren sind das Employer Branding & Direct Response. Berufliche Mitgliedschaften im Texterverband e.V. sowie im DFJV Deutscher Fachjournalisten Verband

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