Autor: Heike Wetzig, M.A. Kunstgeschichte, für www.text-personalmarketing.de
Wo Unternehmen zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stehen, investieren sie einen Teil ihres wirtschaftlichen Erfolges in Soziales, in Wissenschaft, Kultur, Bildung oder Sport. Das Schlüsselwort Corporate Cultural Responsibility veranlasst diese Unternehmen dazu, sich für die Interessen der Gemeinschaft zu engagieren und die Gesellschaft am eigenen Erfolg partizipieren zu lassen. Gute Beispiele dafür gibt es viele, so etwa den RWE Konzern, Essen, Mitglied im Arbeitskreis Kultursponsoring (AKS), ein Unternehmen, das die Kunst aktiv fördert und Mitglied ist in einer Initiative des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Das ist ein bundesweit einzigartiges Netzwerk von Firmen, das Kultursponsoring dauerhaft in die eigene Unternehmenskultur integriert hat. Ein weiteres Beispiel ist die Würth Group mit ihrer Kunstsammlung Würth, eine der bedeutendsten privaten deutschen Kunstsammlungen, von Reinhold Würth in den 1960er Jahren gegründet.
Kulturelles Engagement macht Unternehmen attraktiv.
In ihrem 1994 erschienenen Buch Kunst im Unternehmen sagt die Bostoner Kunstberaterin Marjory Jacobsen geradezu eine „Partnerschaft zwischen Kunst und Wirtschaft“ voraus, insofern im Unternehmen gezeigte Kunstwerke international als „anspruchsvolles Kommunikationsmittel“ zwischen Mitarbeitern, Unternehmen und Geschäftspartnern gelten. Denkanstöße und kreative Auseinandersetzungen sollen ausgelöst werden. Das geschieht in der Tat, sind Künstler doch in ihrer Mentalität ‚Vorangeher‘, deren künstlerischer, nicht betriebswirtschaftlicher Zugang zu aktuellen Themen und Problemen neue Perspektiven ins Spiel bringen kann.
Hoch bewertete, entsprechend teure Kunstwerke und große Namen signalisieren Anspruch, finanzielle Möglichkeiten und Wertschätzung. Für das Unternehmen, das sich bestimmte Künstler leisten kann, übernimmt der Impulsgeber, das ist meist der Chef persönlich, eine kuratorische oder erzieherische Aufgabe, je nachdem, welches Publikum erreicht werden soll. Eine Ausstellung, ein Event oder Besuchertage als Kontaktplattform schaffen Interfaces, überzeugende Präsentationen mit hoher Authentizität und Tuchfühlung zur Welt der Kunst.
Sponsoring, Mäzenatentum, private Sammlungen (die Deutsche Bank begann ihre Kunstsammlung übrigens in den 1980er Jahren), Stiftungen – die Übergänge sind fließend, das Ziel ist klar: Die Wirtschaft will vom Schaffen der bildenden Künstler profitieren. Dabei ist das Verhältnis zwischen Unternehmen und Künstlern nicht selten zwiespältig.
‚Take the money and run‘ ist die nachvollziehbare Reaktion vieler – oft unentgeltlich operierender – Künstler, wenn sie mit ihrem Werk auf Unternehmen treffen, die ausschließlich dem Gedanken folgen, dass alles, was nützlich ist, sofort messbar sein muss. Künstler wollen nun einmal eher nicht in das kommerzielle Gefüge eingebunden sein – auch wenn sie, zugegeben, die materiellen Vorteile schätzen. Ein Blick in die Historie bestätigt das: Das Verhältnis zwischen Papst Julius II. als Auftraggeber und Michelangelo als Künstler war bei Ausmalung der Sixtinischen Kapelle alles andere als entspannt.
Torsten Blanke, ein Künstler, beleuchtet das Thema Kunst und Wirtschaft in seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch Unternehmen nutzen Kunst. Neue Potentiale für die Unternehmens- und Personalentwicklung.
Je nach Projektabsprache und eigenen Eindrücken modelliert der Künstler, was er im Unternehmen vorfindet. Während die Betriebswirtschaftslehre mit der Untersuchung deutbarer Muster eine verbesserte, vor allem finanzielle Effizienz anstrebt, hat der Künstler Freiheiten in der Wahrnehmung und Initiierung von Prozessen.
Im Jahr 2002 wurde an der Universität Witten/Herdecke mit den Professoren Michael Bockemühl und Birger P. Priddat (fachübergreifend Kunstwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Philosophie) das Forschungsprojekt Wirtschaftskultur durch Kunst durchgeführt. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch das Buch TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft von Klaus Heid und Ruediger John, erschienen im Verlag für kritische Ästhetik, Baden-Baden 2003, das sich um die Frage bemüht, welche Rolle die Kunst für die gesellschaftliche Alltagspraxis hat.
Bei allem Optimismus, der vom Begriff Kultur ausgeht, ist die Frage zu stellen: Ist Kunst doch eher einer Elite mit besonderen Möglichkeiten nahe und trivialisiert die übrige Gesellschaft? Nach Torsten Blanke haben 57% der Unternehmer, die Künstler im Betrieb einsetzen, in der eigenen Jugend Berührung mit Kunst gehabt. 86% der Unternehmer und Manager sehen sich selbst “ein Stück weit [als] Künstler”. Nicht zuletzt: Unternehmen, die Künstler engagiert hatten, geht (ging) es angeblich wirtschaftlich besser. Zumindest als Mythos macht das Hoffnung.
Kunst und Personalentwicklung
Kunst bringt neue Aspekte in die Arbeitswelt ein. Doch Inspiration und neue Sicht- und Herangehensweisen sind nun einmal nicht in Zahlen darstellbar. Kunst ist und bleibt Experiment. Und das ist gut so! Unternehmen, die den Mut haben, jenseits der Kennzahlenwelt ihrer Controller ein Experiment zu wagen, können profitieren.
Geht es um Jobs und Karriere, ob klassisch in der Tageszeitung oder zeitgeistig auf der Karriereseite von Facebook, sind Motivation und die Fähigkeit, Mitarbeiter motivieren zu können, eine der wichtigsten Soft-Skills, mit denen Bewerber bei den Unternehmen punkten. Einige Unternehmen, die Denkanstöße geben und die unternehmensinterne Kommunikation mit Weiterbildungsmaßnahmen fördern wollen, setzen deshalb auch darauf, Künstler für ein bestimmtes Projekt im Unternehmen arbeiten zu lassen. Diese konzipieren dann zum Beispiel eine Ausstellung und regen die Mitarbeiter zu kreativem Denken, Handeln und Kommunizieren an. Das Unternehmen selbst soll als „Ort menschlicher Entwicklung“ sichtbar, erlebbar und kommunizierbar werden. Kunst fördere „Vorurteilsfreiheit“ und damit die Durcharbeitung komplexer Prozesse und Strukturen im Team, sagt Jule Schäfer, Institut für Sozialwissenschaften, TU Braunschweig, in ihrer Hauptseminarschrift Kunst in der betrieblichen Weiterbildung - Neue Potenziale für die Personalentwicklung?
Können Künstler also für Unternehmen und für die Personalarbeit eine Bereicherung als Sparringpartner und Berater sein? Wer der Bemerkung des Malers Paul Klee zustimmt, Kunst gebe nicht das Sichtbare wieder, sondern mache sichtbar, darf diese Frage mit ‚ja‘ beantworten.
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